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Vorsicht! Wachsamer Nachbar – Lupus Empfiehlt #1: Servus. Grüezi. Hallo

Drei ZEIT-Journalisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz besprechen aktuelle Thematiken aus den verschiedenen Blickwinkeln der drei Nachbarländer. Warum dabei Erstaunliches über unsere beiden deutschsprachigen Nachbarn, die uns doch teils so ähnlich erscheinen, zu Tage kommt, dass durchaus auch zum Nachdenken anregt und dazu auch noch extrem unterhaltsam ist, schreibe ich dieser ersten Ausgabe von Lupus Empfiehlt.

Deutschlands kleinere Nachbarländer Österreich und die Schweiz werden oft von ihrem größeren Nachbarn überschattet. Außer Bergen, Neutralität, den Schweizer Banken und der schweizerischen direkten Demokratie wissen viele gar nicht mal so viel über die Nachbarländer, vor allem nicht darüber was in diesen so ähnlich erscheinend Ländern alles an kleineren bis größeren Unterschieden zu Deutschland besteht. Aus diesem Grund wagt die ZEIT seit Februar 2018 in bis jetzt 372 Folgen mit „Servus. Grüezi. Hallo“ den Blick über die Alpen – und das sehr erfolgreich, möchte man meinen. Lenz Jacobsen, Redakteur im Politischen Feuilleton der ZEIT, Florian Gasser, Leiter der österreichischen Ausgabe der ZEIT, und Matthias Daum, Leiter der schweizerischen Ausgabe der ZEIT, setzen sich jede Woche mittwochs zusammen und besprechen im A-Teil jeder Folge ein aktuelles Thema aus einem der drei Länder. Dabei gehen sie von den aktuellen Bezügen her in eine grundlegendere Besprechung des Themas über (z.B. Bergstürze, Drohnenvorfälle, die Bahn, Entwicklungshilfe). Dieses wird dann aus Sicht der verschiedenen Länder betrachtet, wodurch teils erstaunliche Unterschiede bekannt werden, die einem vorher überhaupt nicht klar waren. Im darauffolgenden B-Teil besprechen sie dann ein eher unspektakuläres, man könnte fast sagen, „unseriöses“ Thema, das ebenfalls aus den Blickwinkeln der verschiedenen Länder betrachtet wird (z.B. Krawatten, Laubbläserverbot, Rolltreppen, Nachbarschaftsstreite um Hecken). Zum B-Teil ist wichtig zu sagen, dass dieser auf den ersten Blick vermutlich nicht so spannend erscheint, aber dank dem Talent der Journalisten trotzdem absolut hörenswert ist. So präsentierte zum Beispiel im B-Teil zum Thema 100 Jahre Rolltreppe Florian Gasser folgenden Kommentar einer österreichischen Zeitung zur Einführung ebendieser: „Die Rolltreppe ist der Bote aus einer kommenden, glücklicheren Welt der gleitenden Wege.“ und Matthias Daum berichtet über die Klagen des NZZ-Feuilletons, dass man auf der Rolltreppe seine Individualität abgebe. Nach dem A- bzw. B-Teil gibt es jeweils noch als kurze Einschübe die Rubriken „Diesen Deutschen/Österreicher/Schweizer sollten sie kennen“ (selbsterklärend) und „Die spinnen, die Deutschen/Österreicher/Schweizer!“ (hier wird ein Aufreger-Thema aus einem der Länder kurz aufgearbeitet).

Die Geschehnisse in unseren kleineren Nachbarländern müssen sich dabei überhaupt nicht vor denen im „großen“ Deutschland verstecken. Es scheint tatsächlich eher so, dass (vor allem in Österreich) deutlich mehr spannende Entwicklungen vor sich gehen – es wirkt als wäre in Österreich quasi dauernd Staatskrise (BVT-Affäre, Ibiza-Affäre, ÖVP-Korruptionsaffäre bzw. Inseratenaffäre, zweifaches Scheitern der Koalitionsverhandlungen nach der letzten Nationalratswahl, …)  und gefühlt fliegt jeden Monat ein neuer Fall von „Freunderlwirtschaft“ (in anderen Ländern würde man das vielleicht eher Korruption nennen) auf.

Auch rückblickend betrachtet, scheint es, als wenn unsere Nachbarländer uns möglicherweise in einigen Dingen ein paar Jahre voraus waren oder sind.
Ein paar Beispiele: In beiden Ländern waren rechtspopulistische bis rechtsextreme Parteien wie die FPÖ (Freiheitliche Partei Österreichs) und die SVP (Schweizer Volkspartei) schon lange ernstzunehmende politische Kräfte, bevor bei uns die AfD überhaupt gegründet wurde. Und auch Regierungsbeteiligungen dieser Parteien haben diese Länder schon erlebt – u.a. im Zuge unserer leidigen „Brandmauer“-Diskussionen wäre hier ein Blick zu den Nachbarn hilfreich. Die Wiederauferstehung der linken KPÖ (Kommunistische Partei Österreichs), zumindest in Graz und Salzburg, mithilfe der Fokussierung auf „Brot-und-Butter-Themen“, wie z.B.  Inflation und hohe Mieten und das Aufbauen eines Images als bodenständige „Kümmerer-Partei“, kam ebenfalls dem überraschenden Comeback der Linkspartei bei den letzten Bundestagswahlen zuvor (und diente dieser auch explizit als Vorbild, bis hin zu 1:1 kopierten Aktionen wie Hilfe bei Behörden-Anträgen). Der ehemalige Kanzler Sebastian Kurz, der den österreichischen Konservatismus radikal auf einen rechten und populistischen Kurs, an der FPÖ orientiert und mit einem Kurz-Personenkult, umgekrempelt hatte, galt damals für manche deutsche Christdemokraten als positives Vorbild – und es scheint, als wenn, trotz allen Skandalen und seinem unrühmlichen Ende, zum Beispiel der Unions-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn, das immer noch so sieht und gern in dessen Fußstapfen wandeln würde. Und auch die Instabilität der österreichischen Politik scheint so langsam auf Deutschland überzuspringen (Kanzlerwahl, Verfassungsrichterwahl, Wehrdienstgesetz, …).

Es gibt aber natürlich auch die Dinge, die ganz anders sind als bei uns: Zum Beispiel ein immer wiederkehrendes Thema im Podcast – die berüchtigte Neutralität. Die ist, anders als man denken würde, in der Schweiz, anders als in Österreich, gar nicht in der Verfassung festgeschrieben. Aber in beiden Ländern sorgt sie dafür, dass sie eine gänzlich andere politische Kultur, vor allem in Bezug auf Verteidigungs- und Außenpolitik haben und hier auch ganz andere politische Debatten geführt werden. Weitere krasse Unterschiede, die vielen Deutschen weniger bewusst sind, findet man vor allem in der Schweiz: Dort gibt es zum Beispiel gar keine Beamten und fast alle Parteien bilden zusammen die Regierung, deren Besetzung nach der sogenannten „Zauberformel“ aufgeteilt wird. Und zu guter Letzt ist die geteilte Sprache in allen drei Ländern dann doch durchaus verschieden, was immer wieder spannend ist – nicht nur durch offensichtliche Dialekte, sondern auch einfach nur durch die Nutzung anderer Begrifflichkeiten.

Auch Kurioses kommt natürlich nicht zu kurz – oft aus der Schweiz stammend: Wussten Sie zum Beispiel, dass die Schweiz im Kalten Krieg mit dem Gedanken eigener Atombomben spielte, oder dass die Schweiz die Interessen der USA im Iran vertritt? Auch die „Landsgemeinde“ im Schweizer Kanton Glarus erscheint aus unserer Sicht sehr schräg: Hier können alle stimmberechtigten Bürger des Kantons auf einem Platz in der Hauptort des Kantons über die Gesetze des Kantons abstimmen. Und die beliebte Sportart „Schwingen“ ist außerhalb der Schweiz quasi unbekannt.

Das alles ist dabei im Podcast überhaupt nicht trocken aufbereitet, sondern genau im Gegenteil: Die Chemie zwischen den drei Journalisten, ihre dauernden Neckereien und ihren immer wieder stark durchscheinenden humoristischen Blick auf manche Geschehnisse machen den ca. einstündige Podcast zusammen mit dem Elan, mit dem die drei sich immer wieder in Rabbitholes einarbeiten und so auch teils obskure Sachen herausfinden, zu einem kurzweiligen Hörvergnügen, bei dem man immer einiges Interessantes, Erhellendes und Überraschendes hört und dabei auch noch Spaß hat.

Link zur Seite des Podcast

PS: Wen ich mit dieser Empfehlung überzeugt habe, der sollte über das Podcast-Abo der ZEIT nachdenken. Ohne dieses kann man nämlich nur die jeweils letzten drei Folgen des Podcasts hören, alle anderen verschwinden im Podcast-Archiv hinter der Bezahlschranke. Dafür gilt das Abo dann für alle ZEIT-Podcasts (es gibt einige), bei einigen anderen ist das Bezahlschranken-Archiv ebenfalls aktiv, außerdem gibt es bei manchen der Podcasts auch Bonusfolgen, die man überhaupt nur mit dem Abo hören kann und die Dokupodcasts der ZEIT kann man generell nur mit Abo hören. Lohnt sich aber tendenziell: Es kostet nur 4,99 € im Monat, ist jederzeit monatlich kündbar und die ZEIT hat echt einige gute Podcasts (werde hier noch ein paar empfehlen). Auch in anderen Abomodellen der ZEIT ist das Podcast-Abo übrigens beinhaltet.

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